Ich bin ein Autistisch - Kann jemand die Bedeutung von Gesten und Mimik erklären?

advertisements

Hi, vor kurzem wurde bei mir Autismus diagnostiziert. Im Bericht erwähnte die Psychologin meine Auffassung zum Thema Gestik und Mimik. Ich habe mich ausgetauscht und mir wurde bewusst das ich irgendwie die einzige bin die das seltsam findet.

Zb. was mich (was Menschen offenbar häufig machen wenn Sie etwas beschreiben) kirre macht ist dieses rummgefuchtel mit den Armen

Was ich auch nicht verstehe warum man sein Gesicht im Gespräch so komisch verziehn muss (sei es lächeln oä) was hat ein lächeln mit Freundlichkeit zu tun? Für mich ist ein lächeln in einem Gespräch einfach nur unangebracht.

Und was hat es mit Höflichkeit zu tun andere in die Augen zu schauen? Ich meine ich höre doch was die Person sagt und so lange nicht ein trockenes "Aha" kommt ist das doch höflich genug? Ich fühle mich zB extrem unwohl wenn man mir in die Augen schaut. Ich fühle mich dann teilweise "durchlöchert".

Das sind ein paar Punkte die mir aufgefallen sind und die ich nicht verstehe. (alle möchte ich jetzt nicht aufzählen)

advertisements

Nicht-Autisten denken kaum über ihre Körpersprache nach. Die läuft einfach halb-bewusst mit, mehr oder weniger automatisch. Deshalb können sie auch nicht erklären, warum sie mit den Armen fuchteln oder das Gesicht verziehen.

Der evolutionsbiologische Zweck von Gestik ist einfach Kommunikation. Tiere kommunizieren fast nur über Körpersprache. Vor Entwicklung der Sprache stand auch den Primaten nur Mimik/Gestik zur Verfügung. Das alles ist natürlich nicht verschwunden, als die ersten Frühmenschen eine Lautsprache erfanden.

Was ich auch nicht verstehe warum man sein Gesicht im Gespräch so
komisch verziehn muss (sei es lächeln oä) was hat ein lächeln mit
Freundlichkeit zu tun?

Mit Sprache drückt man vor allem Sachinformation aus. Mit Tonfall und Mimik überträgt man die Emotion dazu. Das heißt, Nicht-Autisten übertragen immer ein Komplettpaket aus Information und ihrem dazugehörigen Gefühl.

Weil es als unhöflich gilt, negative Gefühle zu äußern, überspielt man die unterbewusst mitlaufende Mimik mit etwas Schauspielkunst. Man setzt z.B. ein künstliches Lächeln auf, um positive Stimmung zu signalisieren, oder guckt auf die Augenpartie, um Interesse vorzuspielen.

Und was hat es mit Höflichkeit zu tun andere in die Augen zu schauen? Ich
meine ich höre doch was die Person sagt und so lange nicht ein
trockenes "Aha" kommt ist das doch höflich genug?

Die Person sagt nicht alles. Sie sagt nur einen Teil und geht davon aus, dass du den Rest aus dem Gesicht abliest. Wenn du nicht ins Gesicht schaust, "hörst" du der Mimik nicht zu, verpasst also einen Teil des Inhalts. (Dass du die Mimik eh nicht lesen kannst und sie dich nur vom Zuhören ablenkt, kapiert ein Nicht-Autist nicht.)

Ich fühle mich zB extrem unwohl wenn man mir in die Augen schaut. Ich fühle mich dann teilweise "durchlöchert"

Ja, genau das passiert. Du wirst "durchlöchert" - nach Nicht-Ausgesprochenem sowie nach Emotionen abgetastet.

Nicht-Autisten setzen dann einfach eine Körpersprache auf, welche die Emotionen zeigt, die sie vorspielen wollen. Ja, die Welt ist ein riesiges Theater voller Schauspieler...

Du kannst keinen Tarn-Ausdruck aufsetzen, man sieht also entweder gar nichts, oder deine echten Gefühle die du nie zeigen wolltest. Ja, du wurdest dreist durchlöchert. Um dem zu entgehen hilft es vielleicht, ein Bisschen Theater zu üben, also gleichgültige Haltungen "auf Bestellung" zu trainieren.

Zusammengefasst: Hinter dem Gewackeln und den Grimassen steckt eine uralte Sprache aus den Tiefen der Steinzeit. Nicht-Autisten nutzen sie weiter, um damit Gefühle auszudrücken, während sie ihre Stimme zum Sprechen brauchen.